Magie oder striktes System? Japanische Philosophie Ikigai für bessere Work-Life-Balance

Wie man Balance und Glück im Leben steigert.
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In der japanischen Kultur gibt es viele einfache, aber kraftvolle Praktiken, die unser tägliches Leben verbessern können. Das japanische Konzept Kintsugi zum Beispiel bedeutet, zerbrochene Keramik mit Goldblatt zu reparieren, und damit etwas wertvolleres und schöneres als das Original zu schaffen. Es lehrt uns, beschädigte Dinge und die Möglichkeit, sie zu reparieren, wertzuschätzen. Das kann natürlich nicht nur auf Dinge, sondern auch auf Beziehungen, Prozesse und ganze Unternehmen angewendet werden.

Eine weitere Praxis ist Ikigai, die uns helfen kann, einen Sinn im Leben zu finden, zu heilen und ein Unterstützungssystem aufzubauen. In unserem Artikel schauen wir uns diese japanische Lebenskunst genauer an.

Einen Sinn im Leben finden

In Zusammenarbeit mit National Geographic hat der amerikanische Schriftsteller Dan Buettner 5 Jahre damit verbracht, die „Blauen Zonen“ zu erforschen - Orte auf der Welt, mit der höchsten Langlebigkeit. Dabei versuchte er mit Wissenschaftler:innen, Muster für Ernährung und Lebensstil zu identifizieren, die es Menschen ermöglichen, länger zu leben als an anderen Orten.

Eine der „blauen Zonen“ befindet sich auf der Insel Okinawa (im Süden Japans) im Dorf Ogimi. Ogimi hat nur 3.000 Einwohner:innen und wird oft als „Dorf der Hundertjährigen“ bezeichnet, da 80 Prozent seiner Bewohner:innen das Alter von 90 Jahren erreichen. Die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer beträgt 88 Jahre und für Frauen 92 Jahre.

Die Diät der Menschen in Ogimi ist bekannt für ihren hohen Anteil an Gemüse und Meeresfrüchten, körperliche Übungen sind auch üblich. Aber es gibt noch etwas, was das Dorf vom Rest des Landes und der ganzen Welt unterscheidet: Ikigai - die japanische Philosophie, nach dem Sinn des Lebens oder seiner Bestimmung zu suchen.

In seinem Buch Blue Zones: Lessons from People Who Live Longer beschreibt Buettner, dass ältere Menschen in Okinawa sehr geliebt sind. Die Älteren sehen sich verpflichtet, ihr Wissen an die jüngere Generation weiterzugeben, was ihnen einen Zweck außerhalb von sich selbst gibt und ihnen ermöglicht, ihrer Gemeinschaft zu dienen.

Buettner sagt, dass das Konzept von Ikigai nicht nur auf die Bewohner:innen von Okinawa zutrifft. Es mag zwar keinen Begriff dafür geben, aber die gleiche Idee existiert unter den langlebigen Menschen in allen vier „Blauen Zonen“, einschließlich Sardinien oder der Nicoya-Halbinsel.

Was ist Ikigai?

Die direkte Definition von Ikigai kommt aus dem Japanischen und bedeutet „Sinn des Lebens“. Es ist ein japanisches Konzept, das ein Gefühl für den Sinn des eigenen Lebens bedeutet. Ikigai kann ein Hobby, ein Beruf oder die Familie sein.
Ikigai bezieht sich auf den Grund des Daseins und soll dem Leben Erfüllung und Zufriedenheit verleihen. Das Wort „ikigai“ ist abgeleitet von „iki“ ab, was „Leben“ bedeutet, und „gai“, was „Wert“ bedeutet. Somit bezieht sich Ikigai im Wesentlichen darauf, was das Leben lebenswert macht.

Obwohl es in Japan viele Bücher über Ikigai gibt, ist ein Buch maßgeblich: Ikigai-ni-tsuite (Über Ikigai), das 1966 veröffentlicht wurde. Die Autorin, Psychiaterin Mieko Kamiya (auch „Die Mutter des Ikigai“ genannt), erklärt, dass das Wort Ikigai dem Wort Glück sehr ähnlich ist, jedoch mit einem feinen Unterschied in seiner Bedeutung. Ikigai lässt uns in die Zukunft blicken, auch wenn es uns im Moment schlecht geht. Es ist das, was uns in dunklen Zeiten Kraft, Widerstandsfähigkeit und Hoffnung gibt. Was auch immer es sein mag, es ist eine Quelle des inneren Lichts und der inneren Kraft.

Einen echten Unterschied machen

Der Psychologe Akihiro Hasegawa, Professor an der Toyo-Eiwa-Universität, hat ein Modell namens „The Constituent Elements of Ikigai“ (Die Grundbestandteile des Ikigai) entwickelt, um die Beziehungen zwischen den Dingen darzustellen, die dazu führen, Ikigai zu empfinden. Er fand heraus, dass die Japaner:innen glauben, dass eine größere Anzahl von kleinen Freuden im täglichen Leben zu einem zufriedeneren Leben führt.

Das Konzept von Ikigai wird meist als Schnittpunkt von vier Elementen dargestellt:

  • was du liebst
  • was du gut kannst
  • was die Welt braucht
  • wofür du bezahlt werden kannst

Die Menschen können den “Sinn des Lebens” entdecken und ein erfüllendes Leben führen, indem sie den Schnittpunkt dieser vier Elemente finden. Zum Beispiel, wenn du das Kochen liebst, darin gut bist, die Welt mehr gute Köche braucht und du damit deinen Lebensunterhalt verdienen kannst, könnte dein Ikigai darin bestehen, als Koch zu arbeiten.

Bei Ikigai geht es um das Gefühl, dass sich die eigene Arbeit positiv auf das Leben der Menschen auswirkt. Toshimitsu Towa, CEO von Jinzai Kenkyusho, einer Personalberatungsfirma, sagte, dass japanische Arbeitnehmer in einer Kultur aufblühen, die das Kollektiv über das Individuum stellt. Menschen seien motiviert, wenn sie anderen helfen, wenn ihnen gedankt wird und wenn sie von ihren Kollegen respektiert werden.

Aber Ikigai handelt nicht nur von der Arbeit, sondern auch davon, Sinn und die eigene Wirksamkeit in allen Lebensbereichen zu finden. Laut einer Umfrage unter 2000 Japaner:innen im Jahr 2010 betrachteten nur 31% Lohnarbeit als ihr Ikigai. Die Arbeit kann zwar eine wichtige Rolle im Leben eines Menschen spielen, aber sie ist nicht das Einzige, was zählt.

Praktische Ratschläge

Im Buch „Ikigai: The Japanese Secret to a Long and Happy Life“ schlägt Ken Mogi (Neurowissenschaftler) vor, sich folgende Fragen zu stellen, um Hinweise auf unser persönliches Ikigai zu bekommen:

  • Was sind deine wichtigsten sentimentalen Werte?
  • Was sind die kleinen Dinge, die dir Freude bereiten?
  • Was sind die kleinen Dinge, die dich in schwierigen Zeiten unterstützen?
  • Was hast du als Kind gerne gemacht?
  • Was würde das 12-jährige Kind in dir über dich sagen, wenn es dich jetzt sehen würde?
  • Was fesselt dich heutzutage so sehr, dass du alles andere vergisst?
  • Welche Aktivitäten bringen deine Augen zum strahlen / dich zum lächeln?
  • Wenn du eine Weltreise machen würdest, was würdest du mitnehmen?
  • Wie würdest du deinen Tag gestalten, wenn du jeden morgen gezwungen wärst, dein Zuhause zu verlassen und erst am Abend zurückkehren dürftest?
  • Was fällt dir leicht? Was sind deine Talente?
  • Für welche Handlungen wirst du gelobt?
  • Wie sähe es aus, wenn du in einer idealen Welt leben würdest?

Diese Fragen zu beantworten ist der erste Schritt zur Entdeckung des eigenen Ikigai. Ken Mogi hat auch fünf Säulen formuliert, auf denen das Rahmenwerk von Ikigai seiner Meinung nach basiert:

1. Klein anfangen

Klein anfangen heißt, kleine Veränderungen in deinem Leben vorzunehmen, die es allmählich verbessern: morgens früher aufstehen, eine Stunde pro Tag für körperliche Aktivitäten oder ein spannendes Hobby reservieren, gesund kochen usw.

2. Mach dich frei

Um das zweite Prinzip von Ikigai zu erklären, nutzt Ken Mogi das Beispiel eines Kindes, das unbeschwert und unbelastet von gesellschaftlichen Definitionen ist. Das Kind ist nicht an einen Beruf oder einen sozialen Status gebunden. Es ist erstrebenswert, diese kindliche Leichtigkeit ein Leben lang zu bewahren.

3. Finde Harmonie und Stabilität

Ikigai ist direkt mit Harmonie in folgenden Bereichen verbunden:

  • Umgebung
  • Menschen um uns herum
  • Gesellschaft als Ganzes

Persönliche Ambitionen sollten deshalb immer mit einem Gedanken an den Zustand der Gesellschaft und der Umwelt verbunden sein.

4. Freue dich über die kleinen Dinge

Starte deinen Morgen mit Süßigkeiten, grünem Tee oder Kaffee, den du magst. Es spielt keine Rolle, wo auf der Welt du dich befindest - wenn es zur Gewohnheit wird, deine Lieblingsleckereien (wie Schokolade und Kaffee) nach dem Aufwachen zu bekommen, wird dein Gehirn Dopamin freisetzen, das dich dazu auffordert, aktiv zu werden (aufzustehen), woraufhin du eine Belohnung (Schokolade und Kaffee) erhältst.

5. Im Hier und Jetzt sein

Die Fähigkeit, im Hier und Jetzt zu sein, hängt direkt mit der Fähigkeit zusammen, die kleinen Dinge zu genießen und sich selbst zu befreien.

Der Flow oder das „Hier-und-Jetzt-Sein“ ist ein Zustand, in dem eine Person so sehr in ihre Aktivitäten eingebunden ist, dass alles andere für sie an Bedeutung verliert. Die Handlung befriedigt so sehr, dass sie Mittel zum Zweck wird. Das heißt, man tut etwas nicht nur, um beispielsweise Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen, sondern weil man Freude daran hat, sich selbst verwirklicht, eigene Ziele erreicht und die Welt zu einem besseren Ort macht.

Ikigai als Schlüssel zur Langlebigkeit?

Wissenschaftler:innen, Journalist:innen und Soziologinnen haben das Phänomen untersucht und sind zu verschiedenen interessanten Schlussfolgerungen gekommen. Eine Theorie besagt, dass Ikigai dazu beitragen könnte, dass man länger lebt und eine klarere Richtung im Leben spürt.

Im Jahr 2017 arbeitete die japanische Fernsehsendung Takeshi nu katei igaku mit Wissenschaftler:innen zusammen, um Forschungen in der kleinen Stadt Kyxotango in Kyoto durchzuführen. Dieser Ort ist dafür bekannt, dass dort dreimal mehr Menschen über 100 Jahre alt sind als im Rest des Landes.

Das Programm interessierte sich für die Gemeinsamkeiten von glücklichen älteren Menschen. Deshalb wurden sieben Menschen zwischen Ende 90 und Anfang 100 von morgens bis abends begleitet, wobei Bluttests und andere Gesundheitsuntersuchungen durchgeführt wurden.

Dabei fiel ihnen auf, dass alle sieben Teilnehmende extrem hohe DHEA-Werte aufwiesen - ein Steroidhormon, das von den Nebennieren ausgeschüttet wird und von vielen als das „Langlebigkeits“-Hormon angesehen wird.

Die überraschende Gemeinsamkeit der Proband:innen: Sie alle hatten ein Hobby, das ihnen wirklich Spaß machte. Eine Frau in den 90ern verbrachte jeden Tag Stunden damit, traditionelle japanische Masken zu schnitzen. Ein anderer Mann malte, und ein anderer ging jeden Tag angeln.

Obwohl wissenschaftliche Beweise nicht aussagekräftig sind, nehmen Wissenschaftler an, dass das Ausüben eines Hobbys, das man liebt, den DHEA-Wert erhöhen kann.

Unabhängig von deinem Alter kannst du danach streben, Ikigai in deinem Leben zu finden. In deinen Aktivitäten und den Rollen, die du spielst - Dinge, die du einfach deshalb tust, weil du Freude daran hast. Dieses Konzept kann dir helfen, ein glücklicheres Leben zu führen.